TanzPlan Ost nimmt sich Zeit für Na(c)hhaltigkeit

Liebes Publikum

Zeit für TanzPlan Ost! Alle zwei Jahre zeigt TanzPlan Ost auf diversen Theaterbühnen, an Tanzorten und in Kulturräumen der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein einen Querschnitt durch die aktuellen Bewegungen des zeitgenössischen Tanzgeschehens. Das Festival betont dabei die ästhetische Diversität, aber auch den Umgang mit hochaktuellen und relevanten Themen im lokalen Tanzschaffen.

TanzPlan Ost ist ein schweizweit einzigartiges Projekt, das den lokalen Tanzszenen überregional Sichtbarkeit verschafft, KünstlerInnen durch Vernetzung unterstützt und den Wissensaustausch vorantreibt.

Vor zwei Jahren hat sich TanzPlan Ost mit der Frage nach dem Lokalen bzw. Multi-Lokalen beschäftigt. Die diesjährige Ausgabe widmet sich der Zeitlichkeit. Oder genauer: der Nachhaltigkeit. In unserer Zeit, die immer multitemporaler wird, und in der sich uns in immer schnellerem Rhythmus immer mehr Möglichkeiten andienen, scheint es umso wichtiger, an etwas festzuhalten, innezuhalten, aber auch loszulassen. Die Nachhaltigkeit in der Förderung und Kooperation mit den Kunstschaffenden und den Austragungsorten ist nicht nur ein wichtiger Aspekt des kulturpolitischen Auftrags von TanzPlan Ost. Der Begriff «Nachhaltigkeit» ist auch sonst in aller Munde – von Häusern, über Landwirtschaft, bis zur Entwicklungshilfe wird alles als nachhaltig beschrieben. Das Programm 2018 ergänzt und belebt das Wort indem es das «c» in Klammern setzt. In der Nachhaltigkeit ist auch die «Nahhaltigkeit» drin. Denn Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur, Bestehendes zu erhalten. Das Wort verpflichtet auch dazu, das, was einem am Herzen liegt, in der Nähe zu halten, eben «nahzuhalten». Die KünstlerInnen von TanzPlan Ost 2018 suchen die Nähe zu Ihnen, zu sich selbst, aber auch zueinander – so ist es bezeichnend, dass ein Grossteil der TeilnehmerInnen in Kollektiven arbeitet. Sie nehmen sich Zeit, blicken in der Zeit zurück, voraus – oder vergessen die Zeit komplett.

Zum Beispiel im zeitlosen Klöntal: Unsere diesjährige Koproduktion Nature Poetry des Choreografie-Duos Simon Wehrli und Jasmina Križaj – in Zusammenarbeit mit dem Musiker Daniel Gisler –widmet sich den schönen Dingen im Leben, der Natur und der Poesie. Vielleicht gibt es dafür keinen besseren Inspirationsort als die atemberaubende Naturlandschaft des Glarner Tals, in dem sich das Trio während der Matineevorstellung im Freien beim Gasthaus Richisau bewegt. Unterstützt werden sie dabei von den SchülerInnen des Tanzstudios Move aus Mollis nach einem zweitägigen Workshop mit der Kompanie.

Fabrice Mazliah hingegen sucht die Nähe zu lokalen Tanzschaffenden: Der Genfer Choreograf entwickelt gemeinsam mit einer Gruppe von lokalen und Westschweizer TänzerInnen eine neue Version seines Langzeitprojekts In Act and Thought, die letzte Produktion der Forsythe Company, der Fabrice Mazliah fast 20 Jahre angehörte. Auch dieses Projekt besinnt sich zurück auf das Essentielle, auf den Tanz selbst: Die TänzerInnen lassen Sie sehr nahe kommen, laden Sie wortwörtlich hinter die Kulissen ein und weihen Sie ein in ihr körperliches Wissen – eine Gelegenheit, die man als Zuschauerin oder Zuschauer selten hat.

Eine weitere grundlegende Diskussion, die uns nahe geht, wird durch zwei sehr unterschiedliche Produktionen durchleuchtet: das Frauenbild in unserer Gesellschaft. Das St. Galler Trio House of Pain attackiert das vieldiskutierte und zugleich sensible Thema «Mutter», indem es gekonnt entblössende Selbstironie, trashige Provokation, und dann wieder berührende persönliche Erfahrungen zu einem nachdenklich stimmenden Tanztheaterabend vermischt. Die Kompanie HorizonVertical schliesslich, die mit dem diesjährigen Choreografie-Förderpreis von TanzPlan Ost ausgezeichnet wird, begibt sich auf eine körperlich intensive Reise in die Mythen der Vergangenheit: Drei junge Frauen tauchen ein in die jahrtausendealte Geschichte der Weiblichkeit, verkörpern die Leiden, aber auch die Rebellionen des weiblichen Geschlechts.

Dazwischen bezaubert die Begegnung des ungleichen Duos Robert Steijn und Geraldine Chollet, deren Stück von der Winterthurer Choreografin Jessica Huber konzipiert und in – sehr naher – Zusammenarbeit mit den PerformerInnen entwickelt wurde. Und das ritualisierte, kreisende Aufeinanderzugehen der beiden TänzerInnen in The Gyre der jungen Kompanie Tumbleweed versetzt Sie in einen Trancezustand, der Sie die Zeit endgültig vergessen lässt.

Um Sie noch näher an den zeitgenössischen Tanz heranzuführen, umrahmen wir das künstlerische Programm mit einem ausführlichen Vermittlungsangebot, das Sie direkt ins Herz der Arbeit führt und das auch nach dem Besuch nachhal(l)(t)en soll: Lokale Botschafterinnen und Botschafter, die Sie vielleicht sogar persönlich kennen, geben Einführungen, Gesprächsrunden kontextualisieren die Inhalte, und Workshops für Jugendliche sorgen dafür, dass auch die nächste Generation weitertanzt. Dass hoffentlich alle Generationen gleichzeitig zusammen tanzen, dafür sorgt eine grosse Party: Die TanzPlan Ost-KünstlerInnen planen diese für Sie an einem gemeinsamen Sharingwochenende, das den Austausch unter den Beteiligten schon im Vorfeld intensivieren soll. Und nicht zuletzt geht die Kunst durch den Magen: TanzPlan Ost bietet nachhaltige Suppen aus Foodwaste an, vor, zwischen und nach den Vorstellungen.

Das gesamte TanzPlan Ost-Team und die Künstlerinnen und Künstler freuen sich auf diese Reise durch die Zeit, die uns näherbringt, verbindet und vor allem auch als Erinnerung erhalten bleiben soll.

Simone Truong

Künstlerische Leitung von TanzPlan Ost